Die „Disputation“ ist ein in unseren Zeiten bedauerlicherweise verlorengegangenes Kulturgut, das zu einer narkotisierten Gesellschaft führen kann

Eine ehrliche Disputation hat das Ziel und erfüllt den Zweck, persönlich hinter die Kulissen schauen zu können, sich, wie man sagt, „ein Bild zu machen“.

Eine Disputation ist weit mehr wert, als eine Diskussion.

Eine Diskussion kann man sehr oft nichts weiter als den Austausch und die Darlegung von Argumenten und persönlichen Positionen bezeichnen. Typischerweise geht bei einer öffentlichen Diskussion jeder mit der Stärkung seiner Prädisposition aus der Veranstaltung heraus, was heißt, sich bestärkt zu fühlen, wie blöd doch die anderen sind, so daß der Graben nicht durch eine Brücke überwunden wird, sondern wesentlich erweitert und vertieft wird.

Nicht wenige Diskussionen dienen so auch der Affirmation, wie auch der Polarisation. Aber auch, wenn es um politische Sachverhalte geht, der Ergründung von Positionen, Meinungen, Strömungen und letztlich auch der Kopplung von Person und Position.

Wenn dann auch noch – aus organisatorischen Gründen sehr gerne vorgeschoben – Teilnahme mit Anmeldung erfolgt und Sitze zugeordnet werden, dann ist – maliziös interpretiert – die Ermittlung und Aufklärung der Sachverhalte/Positionen der Gegenpartei viel, viel leichter. Denn, man erkennt, wer wer ist, welche Argumente in Rede gebracht werden und kann dann zu einem späteren Zeitpunkt auf Basis der Zuordnung von aggregierten, amorphen Informationen, die quasi implizit in den Köpfen stecken, viel gezielter an die „diskursive Barbeitung“ der Gegenpartei gehen.

Diese teilweise in ihrem Kern als demokratisch mißbäuchliche zu umschreibende Vorgehensweise ist dann tendenziell nicht auszuschließen, wenn eine Partei, die Partikulärinteressen verfolgt, die Federführung der Diskussion in den Händen hat. Und sei es nur die „Mikrofonzuteilung“ bei Handzeichen von Personen, die etwas zu sagen haben – und dies auch dürfen – aber, die immer wieder geflissentlich übergangen werden. Dies in dem Sinne, DiskutantInnen, die man analysiert hat, aus dem eigenen Gehege zu lassen, weil sich durch Fragen und Argumente im Stande sind, die eigene Position unterminieren, somit die ganze Veranstaltung an sich zu torpedieren.

Also wird auf Defensivmodus geschaltet, die Diskussion öffentlich zu machen, sie aber sehr wohl zu lenken. Nicht unüblich ist es bei gelenkter, so genannter „ergebnisorientierter“ Diskussionsführung, zunächst einige „Geplänkelfragen“ zu forcieren. Deren Nutzen liegt oft weniger in Inhalten oder Substantiellem, sondern vielmehr darin, dass schlicht und einfach die zur Verfügung stehende Diskussionszeit „abgeschmolzen“ wird.

Die Folge ist evident: der ModeratorIn kann ohne rot zu werden feststellen, dass die Zeit nun arg weit fortgeschritten sei, man leider nur noch fünf Minuten habe, weil das Buffet schon aufgedeckt wird. Und, wen wundert´s, es wird nach Zufall aussehend, manchmal eine Art von „verbalen Claqueur“ ausgeguckt, dIer dann das Mikro und die Redeerlaubnis zugeteilt bekommt.

Ein weiterer, cleverer Trick ist, dass AssistentInnen sich neben einen Stellen, einem das Mikro wie einen Lutscher vor den Mund halten und wenn es dann als „unpassend“ empfunden wird, der „akutische Schnuller“ entzogen wird. Mit einem allgemeinen Kommentar, der prima facie kein Mißtrauen erweckt, aber auf Grund von Moderatorenausbildungen sehr wohl kein Zufall ist.

Denn, man muß sich grundsätzlich bei jeder wichtigen Veranstaltung mit „Diskussionsteil“ vergegenwärtigen, dass diejenigen, die moderieren, im Auftrage des Veranstalters tätig sind, ihren Auftrag – sprich die Penunze – vom Veranstalter mit Briefing erhalten.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, das Internet zu bemühen, um sich in Bezug auf das Thema „Moderation“ und „Moderationsausbildung“ einen tieferen Einblick erarbeiten zu können. Dann sieht und versteht man Diskussion anders.

Manchmal wünscht man sich auch für die Veranstaltung so etwas wie „Compliance Richtlinien“ wie im Bankenwesen, die – endlich – die so gen. „Conflict of Interest Declaration“ beinhalten, als Parteilichkeit zwingend offenlegen. Auch hier, wie überall im Leben gilt die Frage, deren Antwort es zu ergründen gibt: „cui bono“.

Viel wichtiger ist es im Sinne der Verbesserung von Nachhaltigkeit und der Objektivierung eine Disputation, die klare Spielregeln beinhaltet, die sicherstellen, dass Veranstalter nicht Partei in einer Sache sind, sondern ihre Aufgabe darin sehen, Diskutanten und das Publikum herauszufordern. Und dies nicht durch das Plätschern von inhaltlich dünnen Rinnsalen, sondern durch die Provoktation (im ursprünglichen semantischen Sinne), die auch die Emotionen hochkochen lassen.

Denn kommunikationspsychologisch wird beim Überschreiten dieser Grenze auch die Kontrollgrenze der Kommunikation der betreffenden Person überwunden und sie „kommt mit der Wahrheit heraus“, will heißen, die Themen, Positionen und Fragen kommen genau an den Juckepunkt.

In weiterem Sinne gedacht und übertragen, findet sich eine Varianz dieser „Interviewtechnik“ in Verhören wieder. Zunächst „Geplänkel“, „allgemeine Dinge“, dann eine Art von „subcutanem, niedrigschwelligen anpingen“, das nicht als solches empfunden, geschweige denn erkannt wird, um langsam in den Reigen des Informationsflußes zu kommen. Irgendwann kommt jeder Mensch in der Defensive an den Punkt, an den „man ihn hat“, sprich, es kein argumentatives Zurück mehr gibt, weil entweder zuordnungsfähige Informationen benannt worden sind, Widersprüche ans Tageslicht kommen oder auch im Rahmen der „verpackten“ Repetetion einer Sache in unterschiedlicher Formulierung und Sachverhaltsbeschreibung erkennbar wird.

Eigentlich „die“ uralte Regel der Dialektik, „Wer fragt führt!“, hat und behält ihre Bedeutung.

Um bei einer ergebnisoffenen – also ehrlichen – Diskussion dem Bestreben, den Kern zu erkennen zu näher zu kommen, bleibt nichts anderes als die Disputation über. Sprich, zunächst elementare Fragestellungen zu erkennen, sie aufzutischen, um sich dann daran zu reiben. Beim Reiben wird´s persönlich und die Standpunkte werden dann früher zum Ausdruck gebracht.

Ist es für die eigene Erkenntnis und die grundsätzlich anzustrebende Kontinuität des Selbsthinterfragens sinnvoller und damit besser, durchaus auch die Argumente einer Gegenpartei „um die Ohren gerufen zu bekommen“, die ein Körnchen einer Frage eindringen lassen? Eines, das als gedanklicher Kristallisationspunkt sein Werk verrichtet, in dem eigene Standpunkte durch sich selbst in Frage gestellt werden?

Nur das sich „mit einem Thema auseinandersetzen“ ist letztlich real im Stande, die Dinge ergründen zu können.

Nicht aber der „Papageien-Reflex“, mit Blick auf seine Peergroup alles nachzuplappern. Denn jedes Gegenargument, das einen stört, das Denken, besser die Reflexion triggert, erweitert den möglichen Lösungsraum, der Wahrnehmungen, Fakten, Empfindungen oder Interpretationen udgl. mit weiterem Erkennungshorizont, was die Qualität einer Entscheidung / Position – so man das hier so „hilfsweise“ benennen kann – steigert.

Jede Art von gedeckelten Informationen führt zu einem intutiv-emotionalem Mißtrauen, gefolgt vom Gefühl der Ablehnung und damit der Diskreditierung der Quelle.

Zumeist ist es so, dass gerade durch das Herausarbeiten eines Widerspruchskerns im Rahmen der Disputation und der letztlich immer zwingend erforderlichen Synthese zum Abschluß einer Betrachtung, auf allen Seiten Korrekturen erforderlich sind, die häufig deeskalativ wirken.

https://www.youtube.com/watch?v=J4rHWM8rEqI

Eine intellektuelle Bequemlichkeit verbunden mit kaschierten Interessenslagen gehört zu den denkbar schlechtesten Voraussetzungen, sich „ernsthaft mit einer Sache in deren Sinne auseinandersetzen zu können, weil man sich unwillkürlich selbst zur Partei macht und so die Revision durch Erkenntnis bei Seite zu schieben vermag.“

Also: debattieren, disputieren und zusammenführen!

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