Tipp – Bürgerinitiativen, Öffentliche Diskussion und Dissentierung

Eine ordentliche Diskussionsrunde im Rahmen einer öffentlich geführten Veranstaltung erkennt man daran, dass es auf der Bühne neben der moderierenden Person eine weitere Person gibt, die die Zeichen von Wortmeldungen aufnimmt und der Reihenfolge entsprechend abarbeitet.

Bei einer professionellen öffentlichen Diskussion muss die Veranstalerseite sicherstellen, dass das stets gewährleistet ist.

Wird diese Reihenfolge sichtbar verletzt, in dem Personen, die sich zu Wort melden möchten, immer wieder übergangen werden, dann sollte man bei den ersten ein oder zwei derartigen Vorkommnissen Toleranz walten lassen und es als „Lässlichkeit“ akzeptieren. Stellt sich jedoch danach heraus, dass die Grundregel der Wortmeldungen gebrochen wird, sollte man eine Weile beobachten, die Abfolge für sich registrieren.

Bei wichtigen Diskussionen sollten Bürger und Bürgerinitiativen (BI) für sich stets eine „Reißleine“ bereithalten. Diese können im Spektrum vom demonstrativen, stillen Verlassen der Lokalität reichen bis hin zu einer deutlich vernehmbaren Protestnote über die Redeführung. In Abhängigkeit davon, wie sich dann die Leitung der Veranstaltung verhält, kann es notwendig sein, als Einzelperson oder als geschlossene Gruppe den Raum – ohne eine Äusserung außer einer höflichen Verabschiedungsfloskel – den Raum zu verlassen. Dieses stille Verabschieden wirkt mehr und eindringlicher, als zu schimpfen oder zu zetern. Kommunikativ bedeutete dies dann nämlich, dass die Wahrnehmung der verbliebenen Gruppe die die Räumlichkeit verlassende Gruppe im spontan entstehenden stillen Gruppengefühl als „Dissidenten“ wahrnimmt. Jede Wortmeldung beim Verlassen kann nur dazu dienen, den „Na, siehste!-Effekt“ zu evozieren. „Haben wir das nicht immer schon so verstanden, das sind wieder einmal die Querulanten!“.

Wenn es wahrnehmbar wird und letztendlich offentsichtlich ist, dass immer wieder Personen „reingeschoben“ werden, so müssen sich Bürger das zunächst merken. Auch, wer die Personen sind, die „reingeschoben“ werden, denn dadurch könnten Beziehungsgeflächte abgeleitet werden. Rein hypothetisch gedacht und wenn es „um die Wurscht geht“, ist eine clevere Moderationsleitung so gepolt, bei der Redefolge zu bleiben, weil dann kein Protokollverstoss vorliegt, den es zu kritisieren gäbe.

Wichtig ist auch, mit der Moderation, Mikrofonhalterinnen und Mikrofonhaltern, aber auch anderen Personen mehrfachen Augenkontakt aufzunehmen, weil das eine visuelle Kommunikation darstellt. Ein zufülliges Kreuzen der Blicke wäre das dann absolut nicht. Man kann und möge bei zu langer „Warteschleife“ durchaus gestikulieren, dass man gerne der Ordnung folgend berechtigt zu Wort kommen möchte.

Gibt es entgegen diesen Usanzen ein andersartiges Verhalten, sprich die „Rosinenpickerei der Fragestellenden“, so muss sich die organisierende Person die Frage gefallen lassen, nach welchen Gesichtspunkten denn das Rederecht erteilt wird. Eines ist dann aber sicher: das Rederecht wird bestimmt nicht nach der gebotenen Reihenfolge gewährt, sondern nach anderen Kriterien.

Und, wenn es um Belange der Bürgerschaft und nicht einer „special-interest-community“ geht, müssen die Bürger an erster Stelle der Reihenfolge stehen, weil es um sie geht. Für Veranstalter heißt das auch, auf normale Bürger, die nicht in der Diskussion und Debatte geschult sind, auf die Menschen einzugehen, die vielleicht ungeübter sind, als routinierte Bürger, die Wert auf die Diskussion, Debatte, aber auch „gepflegten“ Disput legen.

Eine wirklich gute Leitung erkennt man daran, dass man genau diesen Bürgern, wenn man merkt, der Stress steigt, dass sie nach Worten suchen, sich vielleicht schämen nicht eloquent routiniert das Florett zu führen, einen Formulierungsvorschlag anbietet und fragend verifiziert (aber keinesfalls sugestiv – das wäre PFUI!) und so allen Bürgern das Wort zu geben vermag. Auch gehört es zu einer ordentlichen Führung, dass in diesen Fällen eine Atmosphäre sichergestellt wird, die ausschließt, dass jemand ob vielleicht fehlender Erfahrung „dissentiert“ wird. Dies gehört auch zur gelebten Demokratie. Genau so, wie man es „aushalten“ muss, wenn hartnäckig gefragt wird und eine oder mehrere Podiumsversuchen, ihre (trainierte) „Seifennummer“ zu fahren, sprich viel zu reden, aber nichts zu sagen. Verbunden mit dem übermittelten Gefühl des Auditoriums gehört worden zu sein, ohne aber in den Gedanken einen neuen Impuls gesetzt zu haben…

Es sind bisweilen diese Kriterien und Aspkte, die Bürgerinitiativen und Bürger, die sich einsetzen dazu veranlassen mögen, genau dieses Spiel „einfach mal mitzumachen“, um Diskussionsführung zu erleben und die Strukturen, Methoden und Werkzeuge aus eigenem Erleben heraus zu erleben und zu verinnerlichen. [Auch Ratssitzungen sind hier eine gute Schule für das Bürgertum…]

Eine Moderation ist dann als schwach und „aufschlussreich“ zu bezeichnen, wenn sich  zum einen eine gewisse „Parteilichkeit“ im Verlauf der Moderation herauskristallisiert  und diese ihre Rolle der neutralen Instanz verlässt. Zum Beispiel ungeachtet der Reihenfolge, weil vielleicht als erstes eine exponierte Person zu Wort kommt, die dann nicht gebremst wird. Und, die qua Erfahrung die Kontrapunkte für den weiteren Verlauf setzt. Für eine ergebnisoffene Diskussion kann so etwas wie ein Schalldämpfer wirken.

Zu berücksichtigen ist es, dass im Sinne der Kommunikation bei einer Frage aus einem Publikum, das heterogen – somit nicht miteinander bekannt ist – durchaus kurze und klare Aussagen zugelassen sein müssen. Denn erst daraus lässt sich der Kontext der fragenden Person erkennen und das Auditorium wird quasi thematisch „verortet“, sprich „abgeholt“. Ein angemessenes und kurzes Statement vor dem Postulieren der Frage trägt zur Klarheit bei. Nur eine Frage zuzulassen, kann dazu führen, dass ihr Kern geschickt gedreht werden kann.

Denn, einfach nur eine Frage zuzulassen, das erlaubt es der Moderationsleitung sehr geschickt bei möglicherweise „geneigter Auffassung“, sich eine gewisse „Lufthoheit“ qua Interpretation durch das Aufgreifen und kommunizieren in die Runde vorzunehmen. In der Regel hat die Person, die die Frage gestellt hat, dann wegen der Mikrofonhalterinnen und Mikrofonhalter keine Chance mehr, zu korrigieren. Und so kann es dann sein, dass eine Frage, die auf ein bestimmtes Informationsziel ausgerichtet worden ist, „umgedreht“ wird, ohne sich als Fragender auch nur ansatzweise wehren zu können.

Diese Methodik lernt man ziemlich früh bei Seminaren und Coachings für Moderatoren und Moderatorinnen, weil sie ein subtiles und für das Publikum nicht steuerbares Steuerungsinstrument ist.

Eines muss man sich stets bei Diskussionen und Fragerunden vergegenwärtigen: ist es tatsächlich eine offene, somit uneingeschränkt zufallsträchtige Geschichte, oder, ist es ergebnisorientiert, was die „self fullfilling prophecy“ ist, bei der Claqueure benötigt zwecks Legitimation benötigt werden, oder ist es etwas dazwischen?

Für Bürgerinitiativen ist es wichtig zu wissen, „wer mit wem“, wie Veranstaltungen in der Vergangenheit gelaufen sind, wer die Beteiligten gewesen sind, welche Institutionen beteiligt waren etc.

Es ist ein so genanntes „rekursives Verfahren“, bei dem man zunächst die Dinge laufen lässt, den Ablauf einzeln und in der Gruppe registriert und analysiert. Dann mit anderen – vorzugsweise nicht aus dem eigenen thematischen Kontext stammend – offen diskutiert und die Erkenntnisse übereinanderlegt und dokumentiert. Das ist eine „Superposition“.

Wenn einem als BI vorgehalten werden sollte, das sei aber unschön oder sonst nicht nett: Seien Sie gewiss, in einem örtlich begrenzten Bereich und bei einem Thema, gibt es eigentlich immer ein sehr klares Bild über die Gruppierungen und Personen, mit denen man vielleicht nicht sein Heu auf dem selben Boden hat.

So sollten Bürger und BIs stehts bestrebt sein, sich lose verteilt im Auditorium ihren Platz zu suchen und tunlichst keine „Traubenbildung“ anstreben. Denn das ist auch ein gelegentlich praktiziertes Instrument der Veranstaltungssteuerung, Gruppen zu bilden. Die hat man dann nämlich leichter im Blickfeld und kann – s.o. – agieren.

Der Vorzug dieser tatsächlichen „Dissidenz“ liegt zudem darin, dass man rechts und links andere Leute kennenlernt und mit denen ins Gespräch kommt. Wenn die Sitznachbarschaft einander sympathisch ist, wird sie meist das Gespräch vertiefen und möglicherweise dann auch Kontaktdaten austauschen. Was für engagierte Bürger und BI hilfreich kennt. Sich in Rotten irgendwo hinzusetzen oder in zugewiesenen  Bereichen Platz zu nehmen, reduziert Erkenntniszuwachs…

Diskussionen und Gesprächsrunden muss man „knalltrocken“ und diszipliniert vorbereiten, erleben und nachbereiten und dann die Schlüsse ziehen. Und die sind oft sehr, sehr aufschlussreich. Oft deutlich stärker als Aussagen. Wichtig ist es für BIs strategisch und taktisch vorzugehen und in jedem Falle nach jeder Veranstalltung eine Überprüfung der Sachlage in der eigenen Gruppe durchzuführen. Und danach vielleicht auch mit dem Meinungsbild mit anderen BIs in einen vertrauensvollen und nicht öffentlichen Austausch zu kommen.

Da hilft es ungemein, sich mit BIs zu treffen, die möglicherweise andere Ziele und Interessen verfolgen, weil gerade dann die Daten- und Informationslage besser und stabiler verdichtet werden kann.

Merke: auf der Bühne sitzen die Profis, die nicht selten in ihrer Teamaufstellung selbst ein Team bilden können. Manche Veranstaltung erinnert so bisweilen an die publikumswirksamen Showtourniere von Basketballmannschaften aus den USA, die den Zuschauern sicherlich ein gutes Programm liefern, das die Kurzweil wert ist.

Aber, im Sinne, sich durch tatsächliches Wettkampfengagement vielleicht eine Sportverletzung zuziehen zu können, wird eben nicht die volle Leistung gezeigt. Womit – bezogen auf den Sport – es kein Wettkampf sondern ein „show act“ ist und bleibt.

So ist es immer gut sich während des Geschehens zu vergegenwärtigen, ob man gerade in der kommunalen Vielzweckhalle eine unterhaltsame Show mit Bierchen danach besucht oder, ob man tatsächlich einen Wettkampf mit Qualifikationslauf ist, bei dem jeder für sich an den Start geht und man auch seinen besten Freund oder die beste Freundin auf der Aschenbahn hintersichlassen will. Das ist übrigens Sportsgeist und FAIR PLAY in der Demokratie: ECHTER WETTKAMPF!

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